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Sprache Karl Dittrich, Vorsitzender NVAO, Konferenz 'Bedeutung und Entwicklung der Fachhochschulausbildung', Wenen, 17 november 2006
N.B. Alleen het gesproken woord geldt.
In jedem entwickelten Land ist die Bedeutung des tertiären Bildungsbereichs unbestritten. Man ist sich darüber im Klaren, dass die Komplexität der Gesellschaft, die Komplexität von deren Verwaltung, die Komplexität der Betriebsführung großer und kleiner Unternehmen sowie die Unvermeidlichkeit zunehmender internationaler Kontakte immer mehr hochqualifizierte Fachkräfte erforderlich machen. Dies gilt für sämtliche Sektoren unserer Gesellschaft. Manche größeren Länder können es sich erlauben, auf ihre nationale Grandeur zu setzen. Für kleinere Länder wie Österreich und die Niederlande sowie die Region Flandern dagegen stellt dies keine Option dar. Kleine Länder haben außerdem selten etwas in die Waagschale zu werfen, das ihnen eine konkurrenzlose Position verleiht und sie zum unumstrittenen Marktführer in einem wichtigen Wirtschaftssektor macht. Da wir auch nicht über umfassende Rohstoffvorkommen verfügen, sind wir nicht autark sondern wesentlich von der Entwicklung der Weltwirtschaft abhängig. Unsere Volkswirtschaften zeichnen sich durch ihre Offenheit aus: Handel, Transport und Logistik sind wichtig, und deshalb ist in unseren Ländern die Wissensentwicklung der Berufsbevölkerung unabdingbar. Für uns ist es nicht ausreichend, intelligent zu sein; wir müssen vielmehr noch intelligenter als unsere Kollegen und Wettbewerber sein. Das hat eine Reihe von Konsequenzen für den tertiären Bildungssektor.
Zunächst einmal muss die Quote der Studierenden erhöht werden. Unsere Regierungschefs haben diese Aussage bereits in den Lissabon-Zielen von 2000 festgelegt. Zwar aus einem unsinnigen Grund, nämlich um Europa zum wettbewerbsstärksten und innovativsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen, aber das Ziel, die Teilnahmequote im tertiären Bildungsbereich auf 50% in bestimmten Alterskohorten zu erhöhen, ist in vielen Ländern inzwischen politische Realität geworden.
Zweitens hat die Notwendigkeit, immer mehr Hochqualifizierte auszubilden, zur Folge, dass die Qualität der Ausbildung hoch sein muss, dass sie hoch bleiben muss und dass sie ständig verbessert werden muss. Das erfordert ein Qualitätsbewusstsein im Hochschulsektor selbst, und es verlangt darüber hinaus engagierte, kritische und aktive Stakeholder. Diese Rolle muss gelernt werden.
2. Die Bedeutung der Fachhochschulausbildung
Seit jeher liegt die tertiäre Bildung in den Händen der Universitäten. Das ist schon seit fast 800 Jahren der Fall und hat zweifellos zu einer qualitativ hochstehenden Lehre und Forschung geführt. Diese Tatsache wird nur selten in Abrede gestellt. Gleichzeitig zeichneten sich allmählich die Grenzen der klassischen Universität ab. In der vom Handel geprägten Gesellschaft der Niederlande beispielsweise bestand schon vor eineinhalb Jahrhunderten ein Ausbildungsbedarf in den neuen Sektoren Wirtschaft und Technik, die von den Universitäten nicht oder kaum als neue, bedeutende Disziplinen anerkannt wurden. Auf diese Weise entstanden die Fachhochschulen für Wirtschaft und Technik. Später erwiesen sich diese Fachhochschulen als schlagkräftiges Emanzipationsinstrument. Für viele in den damaligen Gesellschaften waren die Universitäten zu elitär, zu unzugänglich und möglicherweise auch nicht praxisbezogen genug. Die Zugangsschwelle war ganz einfach zu hoch. Die Fachhochschulen erwiesen sich als interessante Alternative. Die ältesten Fachhochschulen haben sich inzwischen den Status und das Prestige von Universitäten erworben, sind jedoch keine klassischen Universitäten geworden.
Im Laufe der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass in vielen Berufen Bedarf an eigenständigen und praxisbezogenen Ausbildungsgängen auf Hochschulniveau besteht. Das ist vor dem Hintergrund meiner Bemerkungen zu Komplexität, Internationalisierung und Innovation auch durchaus einleuchtend. Um wettbewerbsorientiert und wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen hochschulische Berufsausbildungen auf die Suche nach Innovation, nach Aktualität, nach dem „Cutting edge“ zwischen Ausbildung und Berufsentwicklung gehen! Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Fachhochschulen in immer mehr europäischen Ländern einen immer wichtigeren Platz in der Gesellschaft eingenommen haben. Dies lässt sich nicht zuletzt an den ständig steigenden Studentenzahlen an den Fachhochschulen, an den außerordentlich niedrigen Arbeitslosenzahlen und an der Begeisterung von Arbeitgebern für Fachhochschulabsolventen ablesen. In den Niederlanden beispielsweise setzen die Arbeitgeber verstärkt auf Fachhochschulabsolventen, da sie den Ruf haben, sofort einsetzbar, praktischer ausgebildet und kompetent zu sein. Ich werde darauf später noch zurückkommen.
Die Emanzipationskraft der Fachhochschulen hat übrigens in den Niederlanden mit dem Einzug der zweiten Generation von Niederländern ausländischer Herkunft in die Hochschulen wieder sehr an Aktualität gewonnen. Um den Umfang dieser Emanzipationsbewegung zu verstehen, hier einige Zahlen: In den drei größten Städten der Niederlande, in Amsterdam, Rotterdam und Den Haag, haben 60 Prozent der 16-Jährigen einen Migrationshintergrund. Sie haben richtig gehört: 60 Prozent. Viele dieser Jugendlichen leben in Familien, in denen Niederländisch allenfalls Zweitsprache ist. Außerdem stammen sie in der Regel aus bildungsfernen Elternhäusern. Die Kinder werden häufig in berufsbildende Schulen geschickt, da es sich dabei um eine vertraute Ausbildungsform handelt, die zudem relativ bald Aussicht auf bezahlte Arbeit und damit auf Zusatzeinkommen für die Familie bietet.
Viele dieser Jugendlichen sind sich jedoch darüber im Klaren, dass sie damit Gefahr laufen, in Zukunft einen Platz am unteren Ende der Gesellschaft einzunehmen. Ihre Ambitionen reichen häufig weiter. Für diese Jugendlichen ist der Schritt an eine Fachhochschule logischer als der an eine Universität. Für letztere ist die Schwelle noch zu hoch: Die Universitäten haben Schwierigkeiten, sich zu öffnen. Im Gegensatz zu den Fachhochschulen. Mit gut organisierten Maßnahmen werden Studenten mit Migrationshintergrund eingesetzt, um Schüler in den weiterführenden Schulen davon zu überzeugen, ein Studium aufzunehmen. Und mit Erfolg! Die Fachhochschulen von Amsterdam, Rotterdam und Den Haag haben jeweils einen Anteil von etwa 45 Prozent Studenten ausländischer Herkunft und durch den Einsatz unterschiedlicher Maßnahmen wie beispielsweise eines Buddysystems, bei dem Studierende höherer Semester die Erstsemester begleiten, werden hohe Abbrecherquoten verhindert.
Meine Damen und Herren, beim Aufbruch in die Wissensgesellschaft darf kein einziges Talent verloren gehen. Ich denke, dass die Fachhochschulen eine ausgezeichnete Chance bieten, die Teilnahmequote neuer Gruppen zu erhöhen. Das gilt auch für viele, für die ein Studium früher in ihrem Leben zu hoch gegriffen war. Nicht jeder entwickelt sich nun einmal im gleichen Tempo. Daher ist es auch durchaus verständlich, dass sowohl Firmen als auch Personen manchmal etwas später über eine notwendige und erwünschte Weiterbildung nachzudenken beginnen. Es fällt auf, welchen Stellenwert in den vergangenen Jahren den Kompetenzen, die außerhalb des formalen Bildungssystems erworben wurden, beigemessen wird. Arbeitnehmer lernen natürlich in der Praxis sehr viel. Interessanterweise lassen sich die so erworbenen Kompetenzen in Berufsausbildungen umsetzen, sodass über maßgeschneiderte Programme ein formeller Abschluss in Reichweite kommt. Auch dies ist eine Entwicklung, bei der die Fachhochschulen – viel stärker als die weniger auf Kompetenzen gerichteten Universitätsstudiengänge – eine führende Rolle spielen werden.
3. Das Bachelor-/Mastersystem
Das niederländische und flämische Fachhochschulstudium kennt im Kern nur einen Zyklus, den Bachelor. In Flandern gibt es nur den akademischen Master, wohingegen die Niederlande gerade dabei sind, den „professional“ Master zu entwickeln. Dazu eine kurze Erläuterung: Im Berufsfeld wird allgemein anerkannt, dass Berufsanfänger mit einem Fachhochschul-Bachelor gut qualifiziert sind. Das Bachelor-Studium dauert vier Jahre, und es bestehen praktisch keine Klagen über die Kenntnisse und Fertigkeiten der Studienabsolventen, jedenfalls nicht in der Praxis. In einigen Sektoren besteht jedoch Bedarf an einem spezialisierten Master-Studium. Das gilt beispielsweise für eine Reihe von neuen Berufen im Gesundheitswesen, die zwischen Pflege- und Arztberuf angesiedelt sind: Nach dem Vorbild der Entwicklung in den Vereinigten Staaten nennen wir diese Funktionen „nurse practitioners” und „physician assistants”. Ein anderes Beispiel ist die Lehrerausbildung: Eine Reihe von Spezialisierungen bedürfen mehr Zeit und eines intensiveren Studiums. Die Entwicklung solcher Master-Abschlüsse, die auch von staatlicher Seite als wünschenswert angesehen werden, wird vom Staat finanziert.
Für praktisch alle anderen „professional“ Master gilt das nicht. Das ist durchaus verständlich, da es dabei ganz klar um die Vermittlung zusätzlicher Kenntnisse und Fertigkeiten aufgrund der Weiterentwicklungen im Beruf als auch der Arbeitnehmer selbst geht. Am deutlichsten wird dies an den verschiedenen Managementausbildungsgängen, bei denen der Student nach einer Reihe von Jahren Berufspraxis von seiner Firma oder seinem Berufsverband angespornt wird, sich auf dem Managementgebiet zu qualifizieren. Auch zu beobachten ist, dass bestimmte Berufsgruppen höhere Anforderungen an sich selbst stellen, um damit bessere Leistungen zu erbringen und dafür eine bessere Entlohnung zu erhalten. Die Physiotherapeuten sind dafür ein gutes Beispiel, schreibt dieser Berufszweig doch selbst das Masterniveau für eine Reihe von physiotherapeutischen Spezialisierungen vor, wie für geriatrische und Kinderphysiotherapie, ebenso wie für Becken- und Sportphysiotherapie.
Wieder andere Master finden ihre Grundlage in der zunehmenden Komplexität des Berufsfeldes. Vor kurzem wurde uns ein wunderschöner „professional Master“ im Bereich der Stadtsanierung für Berufstätige mit einem Fachhochschul-Bachelor für Bauingenieurwesen zur Beurteilung vorgelegt. Die Ausbildung betraf das komplexe Gebiet städtischer Erneuerung und umfasste allerlei öffentlich-rechtliche Kooperationskonstruktionen, die Abstimmung zwischen verschiedenen Behörden, den Umgang mit Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger (sehr entscheidend in dieser Entwicklung) sowie die Interessenabwägung zwischen Projektentwicklern und öffentlichem Raum.
Allen diesen Master-Ausbildungen ist gemeinsam, dass sie für Menschen mit einigen Jahren Berufserfahrung bestimmt sind, die in ihrer Berufspraxis mit komplexen und innovativen Entwicklungen konfrontiert werden und die daher einen neuen theoretischen Rahmen benötigen, um diese Entwicklungen verstehen, sie einordnen und mit ihnen umgehen zu können.
Meine Damen und Herren, es geht hier also nicht um Masterstudiengänge, bei denen die Verwobenheit zwischen Forschung und Lehre im Vordergrund steht, wie dies bei akademischen Masterstudiengängen der Fall ist. Nein, es handelt sich dabei um Masterausbildungen, bei denen die Verwobenheit zwischen der Komplexität und Erneuerung eines Berufs (oder eines Berufsfeldes) und der Lehre entscheidend ist. Diese Master erfordern eine gewisse Reife im Beruf und außerdem Kapazitäten, um die Komplexität und Neuerungen im Sektor verstehen und damit umgehen zu können.
Diese Masterstudiengänge werden nach meinem Dafürhalten zu Recht nicht von staatlicher Seite finanziert, sondern vom Arbeitsfeld und vom Studenten selbst. Außerdem sind diese Master nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Etwa 90 Prozent der Berufstätigen mit einem Fachhochschul-Bachelor haben keinen Bedarf dafür. Für sie ist das normale Weiterbildungsinstrumentarium ausgezeichnet als Begleitung in ihrer Berufspraxis geeignet.
Meiner Meinung nach stellt somit der Bachelor einen ausgezeichneten Abschluss eines Fachhochschulstudiums dar, und ich denke, dass sich eine solche Entwicklung auch an den Universitäten ergeben wird. Vor allem in Zeiten der Hochkonjunktur gehen Arbeitgeber in bestimmten Sektoren möglichst früh auf den Markt, um dort ihre künftigen Arbeitnehmer zu rekrutieren. Ende der neunziger Jahre führte dies zu der meiner Auffassung nach peinlichen Erscheinung, dass Wirtschaftsstudenten im vierten Studienjahr mittels Leasingwagen-Angebot verführt wurden, sich schon lange vor Beendigung ihres Studiums bei Betrieben zu verpflichten. Der Bachelor-Grad wird dazu beitragen, dass viele die Universitäten nach Erreichen dieses Abschlusses verlassen. Es wird meiner Meinung nach nicht mehr lange dauern und die ersten großen internationalen Arbeitgeber oder der öffentliche Dienst werden in großem Stil Bachelor anwerben, um sie anschließend intern weiter auszubilden. Der öffentliche Dienst in den Niederlanden, aber auch beispielsweise ein Konzern wie Shell verfolgen die Entwicklungen rundum den Bachelor mit großem Interesse.
Es ist sogar noch eine andere Entwicklung erkennbar, und zwar die Schaffung von sogenannten Short Cycles oder Associate Degrees, bei denen Studenten nach einem zweijährigen Fachhochschulstudium auf den Arbeitsmarkt gehen. Diese Entwicklung wird sehr stark von kleinen und mittelständischen Betrieben gefördert. Für eine große Zahl von Firmen in diesem außerordentlich dynamischen und innovativen Sektor sind die Fachhochschul-Bachelor überqualifiziert und damit zu teuer. Die zweijährigen Studiengänge scheinen dagegen einem großen Bedarf Rechnung zu tragen. Im vergangenen Jahr wurden in den Niederlanden 35 solcher Programme mit finanzieller Unterstützung des Staates ins Leben gerufen, und im nächsten Jahr werden noch einmal etwa 50 solcher Studiengänge dazukommen. Voraussetzung für die Programme ist jedoch, dass sie in enger Abstimmung mit dem Berufsfeld zustande kommen und dass die Wirtschaft die Einstellung von solchen Studienabsolventen garantiert.
4. Die Rolle der Arbeitgeber in der Fachhochschulausbildung
Meine Damen und Herren, dies bringt mich zu der interessanten Frage nach der Rolle der Arbeitgeber in der Fachhochschulausbildung. Es ist evident, dass die Arbeitgeber (sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor) eine wichtige Rolle in der Fachhochschulausbildung zu spielen haben. In den Niederlanden fallen mir dabei zwei Dinge auf: Auf nationaler Ebene sind die Arbeitgeber zwar große Befürworter der Fachhochschulausbildung. Gleichzeitig sind sie jedoch ausgesprochen kritisch in Bezug auf Bildungsreformen, im Hinblick auf ein mögliches Ungleichgewicht zwischen Kompetenzen und Kenntnissen und bezüglich einer mangelnden Aktualität im Studium. Meiner Meinung nach zeigen sie sich manchmal zu kritisch und zu undifferenziert.
Auf regionaler und lokaler Ebene ist jedoch häufig eine gegenteilige Haltung zu beobachten. In den Akkreditierungsverfahren trifft die NVAO praktisch ausnahmslos auf begeisterte Vertreter aus der Wirtschaft, die die Einsatzfähigkeit, die Fertigkeiten und die Kenntnisse der Studienabsolventen loben. Selbst in den Fällen, in denen sich die Beurteilungspanels sehr kritisch zum Niveau der Studienabsolventen äußern und in Einzelfällen sogar feststellen, dass das Studium kein Bachelor-Niveau hat, sind die Arbeitgeber begeistert. Entweder man will den Mangel an Niveau einfach nicht sehen oder man weiß zu wenig von der Sache.
Beide Haltungen sind besorgniserregend. Auf nationaler Ebene fehlen oft relevante Informationen und man bildet sich zu schnell eine Meinung aufgrund von Gerüchten und Halbwahrheiten, und auf lokaler und regionaler Ebene ist man nicht so kritisch, wie man eigentlich sein sollte.
Natürlich müssen die Arbeitgeber gegenüber dem Fachhochschulsektor eine aktive Rolle einnehmen. Es muss über die Ziele der Studiengänge gesprochen werden, es müssen regelmäßig Gespräche über Veränderungen und Innovationen in der beruflichen Praxis stattfinden, man muss ein Auge für die Qualität der Dozenten und der erforderlichen Infrastruktureinrichtungen haben und man muss die Erfahrungen der Arbeitgeber mit den Studienabsolventen im Blick haben. Das alles scheint mir für berufsqualifizierende Ausbildungsgänge nicht nur selbstverständlich, sondern sogar notwendig zu sein. Ich wage außerdem die Behauptung, dass diejenigen, die die besten Kontakte mit den Arbeitgebern unterhalten, unter Umständen auch die besten Studiengänge gestalten können. Ich höre jedoch ein großes „Aber”: Ein Fachhochschulstudium gehört zum tertiären Bildungssektor, ist also nicht nur als eine berufsorientierte Ausbildung gedacht und muss somit auch weiterhin in den Verantwortungsbereich der Institutionen des tertiären Bildungssektors selbst fallen. Hochschulen sollen schließlich nicht ausschließlich für kurzfristige Zwecke ausbilden, sondern gerade für längere Zeiträume. Und das bedeutet, dass Reflexion, analytische Fähigkeiten, eine kritische Haltung und die Bereitschaft zum Weiterlernen Teil eines Studiums sein müssen!
Der tertiäre Bildungssektor darf sich also nicht von lautstark vorgetragenen Auffassungen aus der Wirtschaft verrückt machen lassen. Ich weise in diesem Zusammenhang erneut und mit Nachdruck auf die Gefahr eines Kurzzeithorizonts hin, der Teilen der Wirtschaft nun einmal eigen ist. Aber ich weise auch auf die Gefahr zyklischen Denkens hin. Auf den Mangel von Fachkräften in bestimmten Sektoren des Arbeitsmarktes wird mit Fug und Recht nachdrücklich hingewiesen. Bevor der Ausbildungssektor jedoch darauf reagieren kann, ist dieser Mangel bereits häufig wieder verschwunden. Ausbilden kostet nun einmal Zeit. Während des Booms der IT-Branche rief man in diesem Sektor nach hochqualifizierten Fachkräften. Das Platzen dieser Seifenblase sorgte dann für einen enormen Überschuss an IT-Fachleuten. Heute melden Firmen aus diesem Sektor, die vom Wirtschaftswachstum profitieren, wieder einen Fachkräftemangel. Solchen Marktschwankungen ist kein Bildungssystem gewachsen. Also heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Um auf solche Veränderungen reagieren zu können, sind Kurzzeitlösungen wie Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen wesentlich besser geeignete Instrumente.
Lassen Sie mich übrigens sagen, dass beide Sektoren, sowohl Ausbildung wie auch Wirtschaft, noch zu oft mit dem Rücken zueinander stehen. Ich sehe das beispielsweise am mangelnden Interesse von Dozenten an den Entwicklungen innerhalb ihres Berufsfelds. Besorgniserregende Beispiele dafür wurden bei den externen Evaluationen der Studiengänge im Bereich Rechnungswesen und bei einem technischen Studiengang gefunden: In einer Reihe von Fällen zeigte sich, dass der überwiegende Teil der Dozenten nicht über die neuesten Entwicklungen in ihrem Fachgebiet informiert war, dass veraltete Literatur verwendet wurde und dass die Hochschulmitarbeiter praktisch über keine aktuellen Praxiserfahrungen verfügten. Aber auch das Umgekehrte kommt vor. Ich war sehr erstaunt darüber, wie stiefmütterlich die Wirtschaft, die nach qualifizierten Studienabsolventen ruft, manchmal den Ausbildungsbereich behandelt. Bisweilen wäre es sinnvoll, Ausbildungsinstitute mit modernen Geräten auszustatten, die Firmen für Studenten und Hochschulmitarbeiter zu öffnen, sodass man beispielsweise die Einrichtungen, die Kreativität und die Innovationsfähigkeit der Firmen nutzen kann. Und wäre es beispielsweise nicht auch gut, wenn Firmen ihre eigenen Mitarbeiter in der Ausbildung einsetzen würden oder in anwendungsorientierte oder angewandte Forschungsprogramme investieren würden? Hier ist nach meinem Dafürhalten noch viel zu gewinnen!
5. Die Aktualität der Fachhochschulausbildung
Eine gute Berufsausbildung ist aktuell. Ich habe schon einige Male darauf hingewiesen. Sowohl Dozenten wie auch die Wirtschaft tragen dafür die Verantwortung. Aber es sind auch strukturelle Maßnahmen erforderlich und denkbar. Ich verweise mit Nachdruck auf die Notwendigkeit des Wissenstransfers von den Universitäten zu den Fachhochschulen, aber auch auf die Möglichkeiten für die Fachhochschulen, Forschung zu betreiben. In den Niederlanden ist die Forschung seit jeher den Universitäten vorbehalten, die sich jedoch fast immer abgeneigt zeigten, angewandte und anwendungsorientierte Forschung zu betreiben. Diese Art der Forschung brachte zu wenig internationales Prestige. Demzufolge ist die Kluft zwischen Universitäten und Wirtschaft in den Niederlanden so groß, dass eigens ein Institut für die Durchführung von nicht-grundlagenorientierter Forschung errichtet wurde. Allerdings haben die Fachhochschulen diese Lücke im Forschungsmarkt inzwischen auch erkannt. Vor einigen Jahren haben sie daher begonnen, sogenannte Lektoren einzustellen und Kompetenzzirkel zu gründen. Die Lektoren sollen den Wissenstransfer von und zu den Fachhochschulen beschleunigen. Die Kompetenzzirkel haben die Aufgabe, die Verbindung zwischen Berufsfeld und Ausbildung zu verstärken. Etwa die Hälfte der Lektoren ist darüber hinaus bei der Erarbeitung von Studien aktiv. Dies ist jedoch keine leichte Aufgabe angesichts des zumeist begrenzten Einstellungsumfangs der Lektoren, des Fehlens von Forschungskapazitäten und -qualitäten in den Fachhochschulen und darüber hinaus des Fehlens einer Forschungskultur. Dennoch beobachten die Universitäten diese Entwicklungen sehr argwöhnisch, zeige sich darin doch eine mögliche Angleichung („academic drift”). Meiner Meinung nach ist die Forschung entscheidend für die Aktualität und die Qualität des Fachhochschulstudiums. Allerdings muss sich diese Forschung auf die Weiterentwicklung des Berufes richten, und darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur Forschung in den Universitäten, die schließlich vor allem auf die Entwicklung der Wissenschaft gerichtet ist. Die Fachhochschulen bedürfen jedoch der Forschungsimpulse, um die Ausbildung möglichst aktuell zu gestalten und außerdem auch selbst einen Beitrag zur Berufsentwicklung zu leisten.
6. Zum Schluss
Meine Damen und Herren, ich komme zu Schluss. Ich habe Ihnen in dieser halben Stunde versucht zu verdeutlichen, wie wichtig die Fachhochschulen für die Entwicklung unserer auf Wissen basierten Wirtschaft und Gesellschaft sind. Das Fachhochschulstudium wird von den Arbeitgebern außerordentlich geschätzt und ist für die Studenten sehr attraktiv. Daneben erfüllt es eine wichtige emanzipatorische Funktion, indem es einen Beitrag zur notwendigen Erhöhung der Teilnahmequote am tertiären Bildungssektor leisten kann. Das Fachhochschulstudium muss auf einer festen Beziehung mit dem relevanten Berufssektor beruhen und dafür Sorge tragen, dass die Aktualität der Ausbildung möglichst groß ist. Das erfordert große Anstrengungen der Dozenten, Fühlung mit den Entwicklungen in der Berufspraxis zu halten, aber auch des Berufsfeldes, das dem Sektor Gelegenheit bieten muss, sich mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Darüber hinaus kann die angewandte Forschung der Fachhochschulen einen Beitrag zur Berufsentwicklung leisten.
Fachhochschulabsolventen werden von Arbeitgebern wegen ihrer praktischen Kenntnisse und Fertigkeiten und ihrer sofortigen Einsatzfähigkeit geschätzt. In einigen Ländern stellt der Bachelor der natürliche berufsqualifizierende Abschluss der Ausbildung dar, wobei aufgrund der Komplexität und der Innovation in einer Reihe von Berufen in den letzten Jahren auf die Entwicklung einer Master-Phase hingearbeitet wird.
Auch das kennzeichnet das Erwachsenwerden dieses relativ jungen Zweigs des Hochschulwesens. Ich bin daher davon überzeugt, dass die Fachhochschulen in den Ländern, in denen schon heute ein binäres Hochschulsystem existiert, nicht mehr wegzudenken ist und dass sie sich innerhalb dieses Systems sogar einen immer wichtigeren Platz erobern werden. Grund genug also, fest auf die Fachhochschulausbildung zu setzen!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
